Die drei größten Risiken einer fossilen Energieversorgung für Neubaugebiete

Die drei größten Risiken einer fossilen Energieversorgung für Neubaugebiete

Trotz Klimakrise setzen viele Kommunen, Bauträger und Projektentwickler*innen im Neubau weiterhin auf fossile Brennstoffe, vor allem auf Erdgas. Kurzfristig gedacht erscheint dies oftmals preiswerter und einfacher zu planen. Ist ein solches Neubaugebiet jedoch erst einmal gebaut, sind die CO2-Emissionen über Jahrzehnte hin zementiert. Dies ist nicht nur in Sachen Klimaschutz verheerend – es unterliegt auch erheblichen Kosten- und Marktrisiken.

Risikofaktor 1: Steigende Klimafolgekosten

Das Umweltbundesamt (UBA) schätzt die Klimafolgekosten auf ca. 180 €/t CO2 im Jahr 2016, die bis 2050 auf 240 €/t ansteigen (vgl. Abbildung 1)[1]. Diese Zahlen beruhen jedoch auf einer Zeitpräferenzrate von 1 % – einem Begriff aus der Volkswirtschaft. Dies bedeutet, dass die Kosten für künftige Generationen weniger stark gewertet werden als die heute anfallenden. Wenn indes die Kosten der nächsten Generation (30 Jahre) und der übernächsten Generation (60 Jahre) gleich gewichtet werden wie Schäden, die uns heute schon entstehen, also bei einer Zeitpräferenz von 0 %, dann betragen die Folgekosten sogar 640 €/t  (2016) bis 730 €/t (2050). Aus ethischen Gründen empfiehlt das UBA mit letzteren Kosten zu kalkulieren, da ansonsten die Generationengerechtigkeit verletzt wird.

Abbildung 1:   Klimafolgekosten und Trends bis 2050. Quelle: UBA

Die Wärmeerzeugung mit Erdgas verursacht also gemäß den Berechnungen des UBA und dem spezifischen CO2-Faktor in Höhe von 270 g CO2/kWh heute schon Klimafolgeschäden in Höhe von 4,87 ct/kWh bzw. 48,7 €/MWh. Bei einem Erdgaspreis von 5 ct/kWh entspricht dies brutto inkl. MwSt rund 122 % des Erdgaspreises, ohne Zeitpräferenz sogar über 400 %.

Selbst wenn man den aktuellen Plänen der Bundesregierung folgt und im Rahmen eines Emissionshandels zunächst einen fixen CO2-Preis in Höhe 10 €/t einführt und dann ab 2025 auf 60 €/t begrenzt, bedeutet dieser CO2-Preis mittelfristig eine Kostensteigerung von mindestens knapp 40 %. Nach einhelliger Meinung der Wissenschaft wird dieser CO2-Preis jedoch bei Weitem nicht ausreichen, um die Pariser-Klimaziele zu erreichen.

Tabelle 1:         Klimafolgekosten für ein typisches neues MFH (Quelle: UBA, Berechnung schäffler sinnogy)

CO2-Kosten für Erdgasheizung
Erdgas CO2-Emissionsfaktor 0,270 t/MWh, Erdgastarif 50 €/MWh (brutto)

CO2-Preis (netto) 10 €/t 35 €/t 60 €/t 180 €/t 640 €/t
CO2-Preis Erdgas (Brutto) 3,2 €/MWh 11,2 €/MWh 19,3 €/MWh 57,8 €/MWh 205,6 €/MWh
Kostensteigerung 6,4% 22,5% 38,6% 115,7% 411,3%

 

Risikofaktor 2: Zunehmende Abhängigkeit

Das zweite Risiko einer fossilen Energieversorgung ist die zunehmende Abhängigkeit von internationalen Energiemärkten, kriegerischen Konflikten und Handelskrisen. Die Anschläge in Saudi-Arabien trieben zwar die Preise der Ölmärkte nicht maßgeblich in die Höhe, weil insbesondere die USA gegensteuert haben. Sie machten aber deutlich, wie schnell durch Anschläge, Kriege oder Terrorakte die globale fossile Energieversorgung gefährdet werden kann.

Bei der Erdgasversorgung ist absehbar, dass die Vorkommen insbesondere in der Nordsee und in den Niederlanden schwinden werden. Aktuell kommen bereits rund 51 % des Erdgases aus Russland, nur noch 27 % kommen aus Norwegen und 21 % aus den Niederlanden[2]. Durch den Bau der Pipeline Nord Stream 2 sowie durch den Bau von mindestens zwei staatlich subventionierten neuen Flüssiggasterminals (LNG), mit denen insbesondere Fracking-Gas aus den USA importiert werden soll[3], steigt die Abhängigkeit von autokratischen Regimen bzw. von unsicheren Handelspartnern. Internationale Konflikte und Handelsstreitigkeiten können dann schnell zu deutlichen Preisänderungen führen.

Risikofaktor 3: Sinkender Marktwert

Bauprojekte, die aktuell geplant werden, kommen erst in zwei bis vier Jahren auf den Markt. Bis dahin werden die Schäden der Klimakrise, die Klimafolgekosten für die Landwirtschaft, Forstwirtschaft und für die Kommunen bereits auf zig Milliarden Euro angestiegen sein. Auch die Abhängigkeiten werden zugenommen haben.

Inwieweit die Präferenzen der Käufer und Investoren dadurch beeinflusst werden, lässt sich heute schwer abschätzen. Offensichtlich ist aber das enorme Kostenrisiko bei Immobilien, die noch mit fossilen Energien versorgt werden. Dies wird unweigerlich auch zu einer Minderung des aktuellen bzw. des künftigen Marktwerts führen. Umso mehr, wenn zeitgleich Objekte auf dem Markt angeboten werden, die eine klimaneutrale, kostenstabile und unabhängige Energieversorgung bieten.

Klimaneutrale Energieversorgung für Gebäude, Areale und Quartiere

In unserem neuen White-Paper „Klimaneutrale Energieversorgung für Gebäude, Areale und Quartiere“ zeigen wir Konzepte und Lösungen, wie Neubauten und auch Be­stands­gebäude klimaneutral, kostenstabil und möglichst unabhängig mit Strom, Wärme und Mobilität versorgt werden können. Es erläutert auch Maßnahmen für den Gebäudebestand, weitere Vorteile der kalten Nahwärme, enthält Tipps für das optimale Vorgehen sowie zu Fördermöglichkeiten. Zusätzlich bieten wir eine Reihe von Video-Tutorials zu den Fördermöglichkeiten sowie zu Beispielprojekten. Für eine individuelle Beratung kontaktieren Sie uns unter info(at)klimaneutrale-energiekonzepte.de oder telefonisch unter +49 (761) 2055 1470.

Neubaugebiet Schlier-Unterankenreute

Neubaugebiet Schlier-Unterankenreute

Für die Gemeinde Schlier, Kreis Ravensburg, hat die Arbeitsgemeinschaft ein klimaneutrales Energie­konzept für das Neubaugebiet „Am Bergle“ im Ortsteil Schlier-Unterankenreute erstellt.

Im Dezember 2018 stellten die Berater die Ergebnisse dem Gemeinderat vor, inkl. einem Varianten­vergleich von verschiedenen Versorgungsoptionen. Die Variante mit Nahwärmenetz und BAFA-Förderung war demnach am wirtschaftlichsten.

Der Gemeinderat votierte anschließend einstimmig für eine Ausschreibung der Quartierslösung mit einer Förderung durch das Programm BAFA-Wärmenetze 4.0. 

Im Januar 2020 stimmte der Gemeinderat dann einstimmig für die Umsetzung des Quartierskonzept mit einer Förderung durch das BAFA-Programm Wärmenetze 4.0. 

  • Den Bebauungsplan zum Baugebiet „Am Bergle“ finden Sie hier.
  • Informationen zum Baugebiet, die Bauplatzvergabekriterien und Informationen zum Energiekonzept finden sie hier.
  • Unser Presseartikel kann hier abgerufen werden.
  • In der Ausgabe vom 27.02.2020 der Schwäbischen Zeitung erschien außerdem folgender Artikel.
Klimaneutraler Stadtteil Freiburg-Dietenbach

Klimaneutraler Stadtteil Freiburg-Dietenbach

Im Rahmen des Städtebaulichen Wettbewerbs der Stadt Freiburg 2018 hat die Bietergemeinschaft ein Energiekonzept für den neuen Stadtteil Freiburg-Dietenbach erstellt.

Klimaneutrale Plusenergie ohne Verbrennung

Das Energiekonzept für den neuen Stadtteil Dietenbach

Das Energiekonzept realisiert die Vision einer klimaneutralen Stadtteilversorgung, die örtlich mehr Energie erzeugt als seine Bewohner verbrauchen und vollständig auf Verbrennungstechnologien verzichtet. Gleichzeitig bietet das Konzept die Chance für eine flexible und sehr kostenstabile Energieversorgung, da praktisch alle benötigte Energien vor Ort aus der Umwelt gewonnen und zellulär genutzt werden.

Zellulär bedeutet, dass jede „Zelle“ sich möglichst eigenverantwortlich mit Energie versorgt und nur Überschüsse und Restenergiebedarfe mit übergeordneten Zellen austauscht. Für Dietenbach heißt dies, dass die Bewohner eines Gebäudes (Zellebene 1 – Gebäude) zunächst möglichst viel Energie auf ihren eigenen Flächen erzeugen, verbrauchen und speichern. Hierfür werden photovoltaisch-thermische Hybridanlagen (PVT) auf Dächern und auf Fassaden montiert, die gleich­zeitig Strom und Wärme erzeugen. Integrierte Dach- und Fassadenbegründungen optimieren deren Effizienz und tragen durch Verdunstungskühlung, Regenwasserrückhaltung und Feinstaubbindung zu einem gesunden Stadtklima bei.

Die sommerlichen Wärmeüber­schüsse werden unter den Gebäuden in saisonalen Erdwärmespeichern (EWS) oder im Innenhof der Baufelder in Erdwärmekollektoren (EWK) für den Winter gespeichert (Zellebene 2 – Baufeld). Hierfür sind lediglich rund 20 % der bebauten Fläche bzw. rund 20 % der Innenhofflächen erforderlich. Die Sonnenwärme wird bei größeren Gebäuden von zentralen Wärmepumpen genutzt, die hieraus Heizwasser (27-35°C) erzeugen und an die Wohnein­heiten (WE) des Gebäudes oder des Baufelds liefern. Ist zu wenig Sonnenwärme verfügbar, wird kalte Nahwärme (5-17°C) aus einer zentralen Ringleitung entnommen. In den Wohnungen wird das Heizwasser dann von kompakten Warmwasserwärme­pumpen genutzt, um bedarfsgerecht Warm­wasser (55-60°C) bereitzu­stellen. Bei kleinen Gebäuden wird das Heiz- und Warmwasser durch eine Wärme­pumpe gemeinsam bereitgestellt. Die Raumheizung erfolgt über Fußbodenheizungen oder Klimadecken. Klima­decken können im Sommer das Wasser der kalten Nahwärme direkt zur Kühlung nutzen. Ohne Mehrkosten können damit auch die Wohnbereiche im Sommer gekühlt werden – ein wesentlicher Vorteil angesichts der zunehmenden Klimaüberhitzung. Der Kältebedarf der Gewerbegebäude wird entweder direkt über die kalte Nahwärme oder über reversible Wärmepumpen bereitgestellt.

Die zentrale Ringleitung verbindet alle Baufelder des Stadtteils (Zellebene 4 – Stadtteil) und gleicht deren Wärme- und Kühlbedarfe aus. In die Ringleitung werden auch weitere Wärmequellen eingebunden, die eine sichere und flexible Wärmeversorgung gewährleisten. Hierzu zählen die PVT-Anlage der Lärmschutzwand, der Abwasserhauptleiter sowie 15 Grundwasserbrunnen. Die Brunnen bieten aufgrund der hydrologischen Eigenschaften vor Ort ein voraussichtlich höher nutzbares Wärmepotential als Erdsonden, daher wird auf Erdsonden verzichtet. Das Quellwasser von jeweils 3 Brunnen wird einer Quartiersgarage zugeführt und die Wärme über einen Wärmetauscher entzogen und in die Ringleitung eingespeist.

Für die zelluäre Stromversorgung werden die Stromüberschüsse der PVT-Anlagen zunächst vor Ort in den Gebäuden soweit möglich in Batteriespeichern zwischengespeichert. Die Stromnetze von jeweils rund 3 bis 5 Baufeldern werden dann in jeweils einer Quartiersgarage zusammengeführt (Zellebene 3 – Quartier). In der Quartiersgarage können dann die Erzeugungsschwankungen der PV-Anlagen sowie die Lastschwankungen der Wärmepumpen und der E-Ladestationen der Garagen intelligent gesteuert und mit Hilfe eines hochflexiblen elektrischen Leistungsspeichers sowie einer optionalen Power-2-Heat-Anlage soweit möglich geglättet werden. Im intelligent gesteuerten Verbund bieten die Anlagen auch Flexibilitätsdienstleistungen an Strommärkten an und beziehen z.B. Strom bei negativen Börsenpreisen.

Mit dem zellulären Konzept kann sich der neue Stadtteil Dietenbach bilanziell vollständig selber versorgen. Die PV-Anlagen erzeugen mehr Strom als verbraucht wird. Die vor Ort verfügbare Sonnenwärme, Erdwärme und Abwärme können sogar ein Vielfaches des Wärmebedarfs decken. Damit wird eine klimaneutrale „Plus-Energieversorgung“ ohne Verbrennungstechnologien für einen ganzen Stadtteil möglich. Das Energiekonzept bietet damit die Chance, Dietenbach als ein internationales Leuchtturmprojekt zu realisieren und gleichzeitig den künftigen Bewohner eine günstige, flexible und langfristig sehr kostenstabile Energieversorgung zu bieten.